Wegen der Dürre stellt die Natur die ersten Ökosystemdienstleistungen ein: Weniger Wasser, weniger saubere Luft. Wir brauchen also keine Hilfsprogramme für die Landwirtschaft – sondern müssen die Ökosysteme in Wäldern und Seen stärken

Mit langem Hals reicht der Kleiber vom umgestürzten Baum herab gerade noch ans Wasser. Der Tümpel hat sich in seine Mitte zurückgezogen, die Trockenheit zehrt die Wasservorräte auch im Wald auf. Hinter dem Kleiber sitzt der Eichelhäher auf dem Stamm, daneben leuchtet der rote Kopf des Mittelspechts, Kohlmeisen hocken am Rand. Wie an einem afrikanischen Wasserloch drängeln sich die Vögel am Teich im Berliner Stadtwald. Ihr Wasserplatz wird zwischen braun kräuselnden Schilfstengeln und Rohrkolben von Tag zu Tag kleiner.

Berlin und Umgebung trocknen aus. Die Dürre hat es seit Sonntag endlich in die Talkshow zu Anne Will geschafft. In Berliner Art möchte man sagen: Und das ist auch gut so. Denn von der Primetime können es Dürre und Klimawandel auch auf den Kabinettstisch schaffen – dort wo die beiden Megathemen Artensterben und Klimawandel hingehören. Souverän erklärt Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber den Talkshow-Leuten, dass der Klimawandel gerade erst beginnt, wir noch ganz am Anfang der Katastrophe sind. Die Dürre 2018 erlaubt uns also mit allen Sinnen zu erleben, wie sich Klimawandel anfühlt. Heiß, trocken, staubig und draußen in der Natur nicht lebensfroh.

Grün und ziemlich mickrig fallen seit Anfang August die Eicheln von den Bäumen. Manche sind schon halb braun verfärbt doch das knurpselige Fruchtfleisch im Inneren zerstreut den Anschein, dass die braunen Eicheln reif sind. Sie sind vertrocknet, ebenso wie die Blätter, die grün und mit Zweig zu Boden segeln. Der Wald leidet, Flüsse, Seen, Moore, Wiesen, ja selbst Magerrasen vertrocknen in weiten Teilen Deutschlands. Wie die Ökosysteme die Dürre überleben, kann momentan niemand seriös sagen. Klar ist jedoch, dass die extreme Trockenheit die Ökosysteme verändert. Sie beginnen bereits, ihre Dienstleistungen nicht mehr zuverlässig anzubieten. Wasser ist knapp, die welken Blätter können nicht mehr das gesamte Kohlendioxid verwandeln, die Luft wird schlecht.

Die Dürre beeinträchtigt eben nicht nur die Landwirtschaft und schmälert nicht nur die Gewinne der Agrarindustrie. Die Trockenheit beeinflusst das Leben aller. Und auch wer sich das mit kaltem Getränk am Swimmingpool nicht so recht vorstellen kann: Nicht zum Besseren. Die Dürre stört die Natur. Wir Menschen hängen von der Natur ab, nicht nur von Mais, Weizen und Kartoffeln auf dem Acker, sondern von der biologischen Vielfalt und dem Systemerhalt zum Beispiel im Wald.

Es reicht daher nicht, über die Auswirkungen der Trockenheit auf die Landwirtschaft zu reden. Wir brauchen einen überparteilichen, nationalen Gipfel zur Dürre, der sofort die ganzen guten Ideen umsetzt, die auch Klimaforscher Schellnhuber fordert: Weniger Schadstoffe wie Stickoxide und Ammoniak aus der Massentierhaltung, weniger CO2 aus allen Rohren. Und das bedeutet: weniger Autoverkehr, weniger Fleisch aus der Massentierhaltung.Neu ist das nicht. Aber der Klimawandel kommt ja auch nicht plötzlich über Deutschland. Neu ist nur, dass es jede und jeder sehen kann, wie der Klimawandel aussieht. Braun und staubig.

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